Archiv für den Autor: Kurt Buck


Befreite weibliche polnische Kriegsgefangene im Lager VI Oberlangen


„Lazarettpatientinnen werden auf einen Spaziergang geführt. Viele der Frauen leiden noch an Kriegsverletzungen.“ (Originalbeschriftung, Übersetzung aus dem Englischen). Foto vom 7. Mai 1945, Fotograf: Lieutenant B.J. Gloster (Library and Archives Canada, PA 159547)
„Lazarettpatientinnen werden auf einen Spaziergang geführt. Viele der Frauen leiden noch an Kriegsverletzungen.“ (Originalbeschriftung, Übersetzung aus dem Englischen). Foto vom 7. Mai 1945, Fotograf: Lieutenant B.J. Gloster (Library and Archives Canada, PA 159547)

Am 12. April befreien Soldaten der 1. Polnischen Panzerdivision das mit kriegsgefangenen Soldatinnen der polnischen Untergrundarmee Armia Krajowa, Frauen aus dem Warschauer Aufstand, belegte Lager Oberlangen:

„Nach einer Kurve kamen wir plötzlich an hohe Stacheldrahtzäune. Ein Tor! Der Panzerwagen hielt nicht an, und das Eingangstorgitter, grob aus der Verankerung gerissen, krachte auf den Weg. Noch eine Einzäunung, wieder ein Tor und dann plötzlich, rund um einen sandigen Innenhof, Reihen und Reihen niedriger schwarzer Baracken, deren Türen auf den Innenhof führten. Alle Türen waren geschlossen. […] Und ganz plötzlich war der Innenhofschwarz von Hunderten von Frauen und Mädchen. Polnische Kampfmützen und Schultertücher mit den Nationalfarben rot und weiß. Polnische Frauen!!! […] Die polnische Kommandantin, Leutnant ’Jaga’ Mileska, bahnte sich einen Weg durch die Menge zu Oberst Koszutski. ’Eintausendsiebenhundertsechsundzwanzig Frauen, Soldaten der polnischen Armee im Stalag VI C Oberlangen’, meldete sie höflich.“ (aus dem Bericht des polnischen Kriegskorrespondenten Wolentynowicz. Übersetzung aus dem Niederländischen)

Literatur:
Zaterdagsebijlage van de Drents-Groningse Pers, 5. April 1975

Website:
>> www.gedenkstaette-esterwegen.de


Warten auf die Heimkehr


Die erste Zeichnung von Ferruccio Francesco Frisone in Freiheit, Fullen, 25. April 1945. (Giovanni R. Frisone)
Die erste Zeichnung von Ferruccio Francesco Frisone in Freiheit, Fullen, 25. April 1945. (Giovanni R. Frisone)

Mit der Befreiung beginnt für Viele das Warten auf die Rückkehr in die Heimat, so auch für den italienischen Militärinternierten Ferruccio Francesco Frisone.

Der Soldat war im September 1943 nach dem Kriegsaustritt Italiens im albanischen Tirana in deutsche Gefangenschaft geraten. Am 7. November wurden er und seine Kameraden auf eine unfreiwillige Reise geschickt. Über Belgrad und Wien ließ ihn die Wehrmacht in das im Emsland gelegene Zweiglager Versen des Stalag VI C Bathorn transportieren. Hier traf er am 12. Januar 1944 ein. Zwei Monate später erfolgte seine Verlegung in das nahe gelegene Zweiglager Fullen, das die Wehrmacht als „Lazarett“ nutzte.

Am 7. April 1945 erlebte Frisone seine Befreiung durch kanadische Truppen. Aber erst Ende August 1945 konnten er und mit ihm 800 seiner Landsleute das Lager verlassen und Richtung Heimat aufbrechen.

„Nun ist Fullen nur noch ein schlechter Traum“, schrieb er in sein Tagebuch, das er am 8. September 1943 in Albanien begonnen hatte und das am 27. August 1945 endet.

Literatur:
Giovanni R. Frisone / Deborah Smith Frisone: Von Albanien ins Stalag VI C,Zweiglager Versen und Fullen. Zeichnungen und Tagebuchaufzeichnungen des italienischen Militärinternierten Ferruccio Francesco Frisone 1943 – 1945, Papenburg 2009

Ferruccio Francesco Frisone: Binario Morte. Diario di un pittore internato a Semlin, Versen e Fullen, Torino 2015

Website:
Gedenkstätte Esterwegen >> www.gedenkstaette-esterwegen.de


Brief in die Heimat


Aleksandr Machnatsch (3. von links) am 12. April 1945 im Lager Wesuwe. Fotograf: Alexander M. Stirton (Library and Archives Canada, PA 159186)
Aleksandr Machnatsch (3. von links) am 12. April 1945 im Lager Wesuwe. Fotograf: Alexander M. Stirton (Library and Archives Canada, PA 159186)

Am 9. April 1945 wird das mit sowjetischen Kriegsgefangenen belegte Zweiglager Wesuwe des Stalag VI C Bathorn befreit. Vier Tage später schreibt Aleksandr Machnatsch aus dem Lager einen Brief an seine Mutter Olga Nikolajewna.:

„Jetzt erst bin ich frei. Am 9. April 1945 wurde ich (zum zweiten Mal) neu geboren. An diesem Tag befreiten unsere verbündeten kanadischen Truppen an der Grenze Hollands das Konzentrationslager inmitten der öden Moore. Dorthin waren wir rund 500 Kommandeure am 1. Dezember 1944 gebracht worden, wo täglich 18 – 20 Menschen aus Hunger starben. Wer dort umfiel, stand dann nicht mehr auf. Ich bestand nur noch aus Knochen, Wunden öffneten sich, und ich stand nicht mehr auf. Noch 10 – 12 Tage, und ich wäre nicht mehr unter den Lebenden gewesen. […]“ (Übersetzung aus dem Russischen; Museum der Verteidigung der Brester Festung, Brest, Weißrussland)

Kurze Zeit später kehrt Machnatsch in seine Heimat zurück und lebt bis zu seinem Tod 2001 in Minsk.

Originalbeschriftung der Fotografie vom 12. April 1945: „Diese Männer wurden während des deutschen Einmarsches in Russland verwundet. Nach notdürftiger chirurgischer Behandlung wurden sie in dieses Lager gebracht, um von gefangenen Sanitätsoffizieren behandelt zu werden, die ohne jede Ausrüstung arbeiten mussten. Man beachte den Zustand der Kleidung und die chirurgischen Hilfsmittel“. (Übersetzung aus dem Englischen.)

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Massaker des angeblichen „Hauptmanns“ Willi Herold


Willi Herold beim Reichsarbeitsdienst Foto: 1943 (Archiv Paul Meyer, Freiburg i.Br.)
Willi Herold beim Reichsarbeitsdienst Foto: 1943 (Archiv Paul Meyer, Freiburg i.Br.)

Anfang April 1945 verliert der 19-jährige Fallschirmjägergefreite Willi Herold in der Nähe von Bentheim den Kontakt zu seiner Einheit. In einem zerstörten Fahrzeug findet er eine Hauptmannsuniform, eignet sie sich an und marschiert Richtung Norden. Am 12. April trifft er mit einer Gruppe versprengter Soldaten im Lager II Aschendorfermoor ein. Hier sind nach abgebrochenen Evakuierungsmärschen aus den Strafgefangenenlagern im nördlichen Emsland 2.500 bis 3.000 Gefangene untergebracht.

Mit forschem Auftreten und resolutem Verhalten übernimmt der selbsternannte „Hauptmann“ im Lager die Befehlsgewalt. Bis zum 19. April ermorden er und seine Helfer im Lager und in der Umgebung mindestens 172 Gefangene.

Am 23. Mai verhaftet ihn die Royal Navy in Wilhelmshaven und interniert ihn anschließend im Civil Internment Camp Esterwegen. Im August 1946 von einem britischen Militärgericht in Oldenburg zum Tode verurteilt, wird Willi Herold am 14. November 1946 im Gefängnis Wolfenbüttel hingerichtet.

Literatur:
T.X.H. Pantcheff: Der Henker vom Emsland. Dokumentation einer Barbarei am Ende des Krieges 1945, Leer, 2. Aufl. 1995

Heinrich und Inge Peters: Pattjackenblut. Antreten zum Sterben – in Linie zu 5 Gliedern, Norderstedt 2014

DVD:
Der Hauptmann von Muffrika. Film von Paul Meyer und Rudolf Kersting; Dokumentation, s/w, 70 Min, 1997

Website:
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Überleben


Das Lager Versen im Emsland, 1944/45 ein Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme. Das Foto entstand nach Kriegsende im Sommer 1945. (Foto: Sigurd Møller)
Das Lager Versen im Emsland, 1944/45 ein Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme. Das Foto entstand nach Kriegsende im Sommer 1945. (Foto: Sigurd Møller)

Am 25. März 1945 erfolgt der letzte Rücktransport von hunderten Häftlingen aus dem Emsland in das KZ Neuengamme.

In Versen und Dalum hatte die SS seit November 1944 Außenlager von Neuengamme eingerichtet. 4.000 Häftlinge müssen Panzergräben ausheben und gebunkerte Unterstände errichten, die das Vorrücken alliierter Truppen im Raum Meppen verhindern sollen.
Im kalten Winter 1944/45 sind die Häftlinge in unzureichender Kleidung und undichten Baracken den harten Witterungsbedingungen ausgesetzt. Mehr als 600 Menschen sterben.

Der Däne Morten Ruge überlebt Neuengamme und Versen und reflektiert 1983 die Situation in Lagern in der Endphase des 2. Weltkrieges:
„Das Schlimmste, was ich den Nazis nicht verzeihen kann, ist die Tatsache, daß das System im Lager so aufgebaut war, dass man nur überleben konnte, wenn man sich gegen die Mithäftlinge behauptete. (…)
Jeder musste für sein eigenes Überleben kämpfen. Das Stück Brot, das ich für mich selbst ergatterte, fehlte einem anderen und ließ ihn sterben. Er ist eine schreckliche Erfahrung, an sich selbst zu spüren, daß man kein moralisches Verhalten mehr zustande bringt, wenn man weniger als 900 Kalorien bekommt.“ (aus dem Bericht von Morten Ruge, Dänemark. Kirchenboten des Bistums Osnabrück vom 11. September 1983)

Literatur:
Bärbel Boldt: Erinnerungen an Morten Ruge. DIZ-Nachrichten 28, Papenburg 2008, S. 21

Website:
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