Kategorie-Archiv: 18. März 1945


Sterben – Aufzeichnungen von Hanna Lévy-Hass


Tagebuch Hanna Levy-Hass
Das Tagebuch von Hanna Lévy-Hass: Titelbild der hebräischen Ausgabe von 1963. Die Zeichnung basiert auf einem Ölgemälde von Raul Teitelbaum, das Anfang der 1950er Jahre entstand.

„BB. März 1945. Wir sind alle von typhusartigem Fieber befallen, und wir bleiben im Bett. Unsere Baracke wurde mit einem besonderen Drahtverhau umzäunt. Eine Quarantäne wurde eingerichtet. Ich hatte 15 Tage lang Fieber. Zuerst hatte ich 41 und 40 Grad Temperatur, dann 39 und 38 Grad. Medikamente gibt es nicht. Wer kann, hält durch. Während dieser 15 Tage hatte ich schreckliche Kopfschmerzen und ständigen Brechreiz. Das Hungergefühl war vollständig verschwunden. Ich habe phantasiert. Ich fühlte nur, daß ich dem Tod nahe war, ganz nah, daß er nicht nur allgemein in der Nähe war, sondern diesmal ganz in meiner Nähe. Ich fühlte seinen Atem in mir selbst.
Ich starb langsam, bewußt. Der Organismus fühlte absolut nichts und schien langsam seine Funktionen einzustellen. Nur der Gedanke an den Tod lebte noch in mir, hartnäckig. Aber um mich herum lagen alle im Sterben – auch jetzt noch sterben sie der Reihe nach.“

Hanna Lévy-Hass, eine Jüdin aus Sarajevo und in der illegalen kommunistischen Partei aktiv, war 30 Jahre alt, als sie die Gestapo im Februar 1944 verhaftete. Im Sommer 1944 wurde sie nach Bergen-Belsen deportiert, wo sie heimlich Aufzeichnungen machen konnte. Im April 1945 wurde sie auf Räumungstransport geschickt und von sowjetischen Truppen befreit. Lévy-Hass kehrte zunächst in das sozialistische Jugoslawien zurück und emigrierte 1948 nach Israel. Sie starb 2001 in Jerusalem. Ihr Tagebuch erschien nach dem Krieg in mehreren Sprachen.

Literatur:
Hanna Lévy-Hass: Vielleicht war das alles erst der Anfang, Tagebuch aus dem KZ Bergen-Belsen 1944-1945, München, 2009