Kategorie-Archiv: 22. März 1945


Alliierter Luftangriff auf Hildesheim


Blick in das Innere der völlig ausgebrannten Stadthalle (StadtA Hildesheim Best. 951, 8224/2)
Blick in das Innere der völlig ausgebrannten Stadthalle, in der seit 1. März 1945 ein KZ mit 500 Häftlingen untergebracht war. (Stadtarchiv Hildesheim, Best. 951, 8224/2)

Am Mittag des 22. März zerstörte ein großer Luftangriff der Alliierten auf das Stadtzentrum von Hildesheim in weniger als einer Stunde die historische Altstadt: 85% der Fachwerkhäuser, 80% aller öffentlichen Gebäude, Schulen und Kirchen, 50% der Industrieanlagen fielen den Flammen zum Opfer. Das alte Hildesheim existierte nicht mehr. Die Gesamtzahl der Opfer wurde nach dem Krieg mit 1.645 Personen ermittelt, darunter 103 Ausländer; 277 Tote waren nicht mehr zu identifizieren. Gründlich zerstört wurden damit auch die in der Stadt verbreiteten Illusionen, Hildesheim werde wegen seiner einmaligen Fachwerkhäuser von den Alliierten verschont.

Unter den zerstörten Gebäuden war auch die Stadthalle. Trotzdem wurden die darin untergebrachten KZ-Häftlinge weiter festgehalten: Sie mussten weiter arbeiten und in der Nähe auf freiem Feld an der Innerste übernachten. Erst nach einigen Tagen wurden sie zu Fuß in das KZ-Außenlager Ahlem bei Hannover in Marsch gesetzt, von wo sie mit den übrigen Häftlingen des Lagers auf den Todesmarsch in das KZ Bergen-Belsen geschickt wurden.

Literatur:
Hans-Dieter Schmid: Hildesheim in der Zeit des Nationalsozialismus. Hildesheim 2015 (im Erscheinen)


Überstellung von drei sowjetischen Kriegsgefangenen an die Geheime Staatspolizei in Lüneburg


Kommandanturbefehl des Stalag X B Sandbostel vom 22. März 1945. (Deutsche Dienststelle Berlin, Mappe „Sowjet. Rus. Kgf.. Stalag X“)
Kommandanturbefehl des Stalag X B Sandbostel vom 22. März 1945. (Deutsche Dienststelle Berlin, Mappe „Sowjet. Rus. Kgf.. Stalag X“)

Der Kommandant des Stalag X B Sandbostel teilt dem Kommandeur der Kriegsgefangenen im Wehrkreis X in Hamburg die Überstellung von drei sowjetischen Kriegsgefangenen an die Gestapo Lüneburg mit.

Efim Neshenez, Timofij Utkin und Fedor Krasnokutski gehören dem Arbeitskommando 1239 Ratsmühle in Lüneburg an. Ihnen wird vorgeworfen, während eines Fliegeralarms Schokolade, Zucker und Kleidungsstücke gestohlen zu haben. Der Kommandant des Lagers Sandbostel bewertet dies als so schwerwiegend, dass ihm die „Entlassung“ aus der Kriegsgefangenschaft erforderlich erscheint. Damit verlieren die drei ihren Status als Kriegsgefangene. Der Übergabe an die Gestapo folgt in der Regel die Einweisung in ein Konzentrationslager. Das weitere Schicksal von Efim Neshenez, Timofij Utkin und Fedor Krasnokutski ist nicht bekannt.


Zuchthaus Hameln: Erinnerungen an den Räumungstransport aus dem Gefängnis Bochum


Der Niederländer Wim Habets. Zeichnung des Bochumer Mitgefangenen Jan Beefting vom 18. April 1944 (Wim Habets, Op vrijheid gesteld, 1996)
Der Niederländer Wim Habets. Zeichnung des Bochumer Mitgefangenen Jan Beefting vom 18. April 1944 (Wim Habets, Op vrijheid gesteld, 1996)

Am 22. März 1945 trifft einer der letzten Räumungstransporte mit ausländischen Gefangenen aus dem Gefängnis Bochum im Zuchthaus Hameln ein. Der Niederländer Wim Habets erinnert sich:

„Unser Transport umfasst ungefähr 200 Franzosen, Belgier, Niederländer und einige Deutsche. Alle bekommen einen halben Laib Brot – offenbar ist unsere letzte Stunde noch nicht gekommen. Die Wachmänner tragen Gewehre.
Im Güterzug die ganze Nacht Rangieren. In Münster ein Stopp wegen Luftangriffen. Am Nachmittag bei Rinkerode (Kreis Warendorf) ein Luftangriff: Ein Franzose in unserem Waggon wird schwer verwundet; im Nachbarwaggon liegen zwei Tote. Die Wachen kümmern sich nicht.
Mein Hass gegen die Deutschen steigt. Die Nacht ist ein Albtraum aus Hunger und Durst – Gedanken ans Sterben.
Am Abend erreichen wir Hameln. Die Verwundeten bleiben bei uns. Das Zuchthaus ist völlig überfüllt.
Der Franzose stirbt am zweiten Tag in Hameln. Ich schäme mich, dass ich keine Trauer empfinde. Sterben scheint etwas Unvermeidliches geworden zu sein.“ (Auszüge aus den Erinnerungen von Wim Habets)

Der Transport aus Bochum forderte mehrere Tote. So starben etwa der Niederländer Frans Van Migro am 22. März, der Franzose Edouard Lamothe am 25. März 1945.

Das Zuchthaus Hameln war eine „Umschlagstation“ für Räumungstransporte aus Gefängnissen, Zuchthäusern und Strafanstalten im Westen des deutschen Reichs. Sie führten zu einer völligen Überfüllung. Von Hameln aus wurden die Gefangenen Richtung Osten und Norden weitertransportiert.

Literatur:
Wim Habets, Op vrijheid gesteld: autobiografische notities omtrent: gebeurtenissen gedurende de bezettingstijd in Kerkrade en Heerlen, het verblijf in gevangenschap in Nederland en Duitsland in Oorlogstijd en de bevrijding in 1945, o.O. 1996.

Weblinks:
>> http://www.euprojekt-zuchthaus-hameln.de
>> http://www.gelderblom-hameln.de/zuchthaus