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Kurt Schumacher hält in Hannover seine erste Rede nach zwölf Jahren NS-Diktatur


Besprechung am 31. März 1946 im „Büro Dr. Schumacher". Von li. nach re.: Egon Franke, Kurt Schumacher, Erich Ollenhauer, Alfred Nau und Fritz Heine. Im Parterre der Jakobstraße 10 in Hannover-Linden war 1945/46 die inoffizielle Parteizentrale der SPD in den Westzonen untergebracht (Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung)
Besprechung am 31. März 1946 im „Büro Dr. Schumacher". Von li. nach re.: Egon Franke, Kurt Schumacher, Erich Ollenhauer, Alfred Nau und Fritz Heine. Im Parterre der Jakobstraße 10 in Hannover-Linden war 1945/46 die inoffizielle Parteizentrale der SPD in den Westzonen untergebracht (Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung)

Zwei Tage vor der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 hält Kurt Schumacher seine erste Rede nach zwölf Jahren nationalsozialistischer Diktatur. Etwa 130 Sozialdemokraten sind im Sitzungssaal des Polizeipräsidiums zur Gründungsversammlung des Ortsvereins der SPD in Hannover zusammengekommen – zu einem Zeitpunkt, als die Bildung politischer Parteien von der britischen Besatzungsmacht noch verboten war.

Schumacher hatte sein Grundsatzreferat mit dem Titel „Wir verzweifeln nicht“ in den Wochen seit der Besetzung der Stadt durch das britische Militär ausgearbeitet. Er erhob darin unter anderem den Anspruch einer tragenden Rolle der Sozialdemokratie beim Neubau eines deutschen Staates und der Gesellschaft. Mit seiner Rede setzte sich der 49jährige ehemalige Reichstagsabgeordnete unangefochten an die Spitze des Ortsvereins Hannover. Ein Jahr später wurde er zum ersten Parteivorsitzenden der Nachkriegs-SPD gewählt und gestaltete deren Aufbau und Politik bis zu seinem Tod 1952 entscheidend mit.

Schumacher trat schon vor der Machtübernahme der NSDAP als deren entschiedener Gegner hervor. Im Sommer 1933 – kurz nach dem Verbot der SPD – wurde er in Haft gesetzt. Die Jahre der Diktatur verbrachte er mit kurzen Unterbrechungen in verschiedenen Konzentrationslagern und Gefängnissen.

Literatur:
Albrecht Kaden: Einheit oder Freiheit: Die Wiedergründung der SPD 1945/46, Berlin 1980

Günther Scholz: Kurt Schumacher, Düsseldorf 1988

Website:
Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung >> http://www.fes.de/archiv/adsd_neu/inhalt/nachlass/nachlass_s/schumacher-ku.htm


Die Exhumierungen auf der Seelhorst


Aufgebahrt auf Lastwagen werden die Leichen zur Begräbnisstätte am Maschsee transportiert (Imperial War Museum London, Bestand Aufnahmen US-Signal Corps EA 65377)
Aufgebahrt auf Lastwagen werden die Leichen zur Begräbnisstätte am Maschsee transportiert (Imperial War Museum London, Bestand Aufnahmen US-Signal Corps EA 65377)

Auf Veranlassung der Alliierten werden am 2. Mai 1945 die Leichen von 153 sowjetischen Männern und einer Frau auf dem Seelhorster Friedhof in Hannover exhumiert. Sie waren am 6. April auf dem Friedhof durch die Geheime Staatspolizei erschossen worden. Viele von ihnen kamen aus dem Arbeitserziehungslager Lahde und waren Anfang April für kurze Zeit im Polizeiersatzgefängnis Ahlem interniert.

Während der Exhumierungen werden am 2. und 3. Mai weitere Massengräber mit den Leichen von 526 ausländischen Zwangsarbeitern sowie Häftlingen aus hannoverschen Konzentrationslagern entdeckt, die zumeist durch Entkräftung und Krankheit gestorben waren. Sie stammten aus der Sowjetunion, Lettland, Frankreich, Polen, Holland, Griechenland, Belgien, Italien und Jugoslawien.

Unter der von den Alliierten angeordneten Beteiligung der Bevölkerung werden am 2. Mai 1945 insgesamt 386 Leichen von der Seelhorst über die Hildesheimer Straße zum Ehrengrab am Nordufer des Maschsees überführt: „Die Exhumierung selbst und die Bestattung hatten stadtbekannte Angehörige der NSDAP durchzuführen.“

Am 16. Oktober 1945 findet die feierliche Einweihung der Ehrenmals statt. Das von dem ukrainischen Bildhauer Mykola Muchin-Koloda gestaltete Mahnmal zeigt das aus Marmor gearbeitete Relief eines trauenden Soldaten.

Die nicht zum Maschsee überführten Toten fanden auf dem Seelhorster Friedhof ihre Ruhestätte.

Literatur:
Die Erschießungen auf dem Seelhorster Friedhof 1945. Hannoversche Geschichtsblätter 59/2005 Beiheft 3

Informationen im Internet:
Geschichts- und Erinnerungstafel Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge >> http://www.volksbund.de/kriegsgraeberstaette/hannover-mitte-friedhof-maschsee-nordufer.html


Das „Heidehausbuch“


Auszug aus dem „Heidehaus-Buch“: Einlieferungen am 12. April 1945 (Stadtarchiv Hannover | Lungenheilstätte Heidehaus | Nr. 1677)
Auszug aus dem „Heidehaus-Buch“: Einlieferungen am 12. April 1945 (Stadtarchiv Hannover | Lungenheilstätte Heidehaus | Nr. 1677)

Am 5. April 1945 beginnen im Außenlager Ahlem des KZ Neuengamme die Vorbereitungen für den „Evakuierungsmarsch“. Einen Tag später verlassen etwa 600 „marschfähige“ Häftlinge unter Bewachung von SS-Männern zu Fuß das Lager; Zielort ist das KZ Bergen-Belsen. Zurück bleiben über 200 kranke Häftlinge, die am 10. April 1945 von US-amerikanischen Truppen befreit werden. Die Überlebenden werden am 12. April 1945 in verschiedenen Krankenhäusern untergebracht. 186 Männer kommen in das städtische „Heidehaus“ in Stöcken – zwei Drittel von ihnen sind polnische Juden.

Das für das „Heidehaus“ überlieferte „Register der Häftlinge aus dem Lager Ahlem“ nennt ihre Namen, ihre Geburtstage und Geburtsorte, ihre Religionszugehörigkeit, ihre Berufe und das Entlassungsdatum. Es nennt aber auch die Todesursachen der über 40 Männer, die noch im „Heidehaus“ an den Folgen der Misshandlungen und Strapazen der Haftzeit sterben.

Literatur:
Janet Anschütz/ Irmtraud Heike: „Wir wollten Gefühle sichtbar werden lassen“. Bürger gestalten ein Mahnmal für das KZ Ahlem. Bremen 2004

Christoph Gutmann: KZ Ahlem – Eine unterirdische Fabrik entsteht, in: Rainer Fröbe u.a.: Konzentrationslager in Hannover. KZ-Arbeit und Rüstungsindustrie in der Spätphase des Zweiten Weltkriegs. Zwei Bände. Hildesheim 1985, Band 1, S. 331-401


Vorstoß britischer Truppen: Neustadt/Rbg. – Scharrel – Brelingen – Bissendorf


Ehemalige sowjetische Kriegsgefangene auf einer Landstraße nördlich von Hannover, 10. April 1945 (Imperial War Museum, London, Department of Photographs, BU 3227)
Ehemalige sowjetische Kriegsgefangene auf einer Landstraße nördlich von Hannover, 10. April 1945 (Imperial War Museum, London, Department of Photographs, BU 3227)

Die 6th Airborne Division (6. Luftlandedivision) rückt von Südwesten immer weiter vor. Am 10. April befindet sich die Einheit nördlich von Hannover. Der Armeefotograf Sgt. Laws dokumentiert den Vormarsch – er notiert:
„Heute verbesserte die 3. Fallschirmjägerbrigade, 6. Luftlandedivision ihre Position, indem sie über eine Entfernung von 16 Meilen von Neustadt nach Bissendorf vorstieß. Die Truppen wurden einen Teil des Weges in Lastwägen befördert und gingen dann zu Fuß und auf „geborgten“ Fahrrädern weiter.“
Die britischen Truppen treffen dabei auf zahlreiche Lager und Arbeitskommandos. KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter, zum Teil bereits sich selbst überlassen, werden endlich befreit.
Auf einer Landstraße nördlich von Hannover stoßen die Soldaten auf ehemalige sowjetische Kriegsgefangene. Sgt. Laws kommentiert:
„Eine Gruppe befreiter russischer Sklavenarbeiter, auf deren Mäntel die Abkürzung „SU“ gemalt wurde, bekommt von einem britischen Soldaten Zigaretten angeboten“. (Übersetzungen aus dem Englischen, Imperial War Museum, London, Department of Photographs)


„Standrechtliche“ Erschießung eines Gestapobeamten


Links: Johannes Rentsch, Oberregierungsrat und SS-Obersturmbannführer, Leiter der Gestapoleitstelle Hannover 1943-1945. Foto von 1936. Rechts: Karl Dräger, Regierungs- und Kriminalrat sowie SS-Sturmbannführer, ab Frühjahr 1943 Stellvertreter des Chefs der Kriminalpolizeileitstelle Hannover, ab Frühjahr 1944 Chef der Kripo. (Bundesarchiv)
Links: Johannes Rentsch, Oberregierungsrat und SS-Obersturmbannführer, Leiter der Gestapoleitstelle Hannover 1943-1945. Foto von 1936. Rechts: Karl Dräger, Regierungs- und Kriminalrat sowie SS-Sturmbannführer, ab Frühjahr 1943 Stellvertreter des Chefs der Kriminalpolizeileitstelle Hannover, ab Frühjahr 1944 Chef der Kripo. (Bundesarchiv)

Am 9. April 1945, einen Tag vor der Befreiung Hannovers durch US-amerikanische Truppen, wird auf dem Schützenplatz der 35jährige Polizeiinspektoranwärter Willi Bertram „standrechtlich“ erschossen.

Er hatte sich einige Tage zuvor zu seiner evakuierten Familie in die Nähe von Einbeck abgesetzt. Als er am 9. April noch einmal nach Hannover zurückkehrte – angeblich um bei der Passstelle im Polizeipräsidium für sich und seine Geliebte Personalausweise zu beantragen – wurde er von Gestapochef Rentsch zufällig vom Fenster aus erkannt, hereingerufen und sofort verhaftet. Rentsch war zu dieser Zeit als „Kommandeur der Sicherheitspolizei“ zugleich Vorgesetzter des Kripochefs Dräger, den er zum Vorsitzenden eines ad hoc eingesetzten Standgerichts machte. Rentsch übernahm die Rolle des Anklägers. Ohne die einfachsten Formalitäten einzuhalten, verurteilte dieses „Standgericht“ Bertram wegen „Fahnenflucht“ zum Tode. Das Urteil wurde noch am gleichen Tag auf dem Kleinkaliberschießstand beim Schützenplatz durch ein Kommando der Schutzpolizei vollstreckt, die Leiche in der Nähe verscharrt.

Der „Fall Bertram“ wurde von Angehörigen der hannoverschen Gestapo in Gerichtsprozessen nach dem Krieg gern als Beleg dafür angeführt, dass sie in der Kriegsendphase unter Befehlsnotstand gestanden hätten. Ein Ermittlungsverfahren zum Fall Bertram wurde im Juni 1955 eingestellt.

Johannes Rentsch: Oberregierungsrat und SS-Obersturmbannführer, Leiter der Gestapoleitstelle Hannover 1943-1945. Rentsch ist bei Kriegsende untergetaucht und konnte nie ermittelt werden.

Karl Dräger: Regierungs- und Kriminalrat sowie SS-Sturmbannführer, ab Frühjahr 1943 Stellvertreter des Chefs der Kriminalpolizeileitstelle Hannover, Felix Linnemann, eines bekannten Sportfunktionärs, nach dessen Rückzug aus Krankheitsgründen selbst Kripochef ab Frühjahr 1944. Erst nach dem Amnestiegesetz von 1954 nahm er wieder seinen richtigen Namen an.

Literatur:
Hans-Dieter Schmid: Organisationen des Terrors: Gestapo und SS. In: Julia Berlit-Jackstien/Karljosef Kreter (Hrsg.): Abgeschoben in den Tod. Die Deportation von 1001 jüdischen Hannoveranerinnen und Hannoveranern am 15. Dezember 1941 nach Riga, Hannover 2011, Seite 124-179


Die Räumungen der KZ-Außenlager Hannovers beginnen


Rekonstruktion der Routen der Todesmärsche von den KZ-Außenlagern Hannover-Limmer und -Ahlem in das KZ Bergen-Belsen im April 1945. Nicht eindeutig nachweisbare Strecken sind schraffiert. (Horst Dralle, Arbeitskreis Ein Mahnmal für das Frauen-KZ Limmer, 2015)
Rekonstruktion der Routen der Todesmärsche von den KZ-Außenlagern Hannover-Limmer und -Ahlem in das KZ Bergen-Belsen im April 1945. Nicht eindeutig nachweisbare Strecken sind schraffiert. (Horst Dralle, Arbeitskreis Ein Mahnmal für das Frauen-KZ Limmer, 2015)

Am frühen Morgen des 6. April 1945 überschreiten alliierte Panzereinheiten die Weser bei Minden. Gegen 7.00 Uhr wird die Räumung der fünf KZ-Außenlager Hannovers befohlen. Ihre Häftlinge sollen in das ca. 160 Kilometer entfernte Hauptlager Neuengamme marschieren.

Der Abmarsch beginnt in aller Hektik. Handkarren werden mit dem Gepäck der Begleitmannschaften und Marschproviant beladen. Rund 4.500 Häftlinge verlassen die Lager auf unterschiedlichen Routen in Richtung Norden, bis sich ihre Wege bei Großburgwedel treffen. Kurz vor dem Vorbeimarsch am KZ Bergen-Belsen (und in einem Falle danach) erhalten sie die Nachricht, dass dieses Lager zum neuen Zielort bestimmt worden ist.

Vor dem Aufbruch werden die begleitenden Wachmannschaften instruiert, dass kein Häftling lebendig in die Hand des Feindes fallen darf. Bis zu 100 Häftlinge, die das Marschtempo nicht einhalten können, werden erschossen und am Rande des Weges verscharrt. Eine unbestimmte Anzahl stirbt im Inferno des Lagers Bergen-Belsen.

Literatur:
Herbert Obenaus: Die Räumung der hannoverschen Konzentrationslager im April 1945, in: Rainer Fröbe u.a., Konzentrationslager in Hannover. KZ-Arbeit und Rüstungsindustrie in der Spätphase des Zweiten Weltkriegs. Hildesheim 1985. Bd. II, S. 493 ff

Horst Dralle: Die Räumung des Frauen-KZ Hannover-Limmer im April 1945. Unveröffentlichtes Manuskript, Hannover 2015

Informationen im Internet:
Arbeitskreis „Ein Mahnmal für das Frauen-KZ in Limmer“ >> www.kz-limmer.de

Hannoversche Allgemeine, 2. April 2015 >> http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Wer-nicht-weiterkonnte-wurde-gnadenlos-erschossen

 


Erschießungen auf dem Seelhorster Friedhof


Links: Nadja Podmogilnaja, ca. 1944 (Stadtarchiv Hannover, Sammlung Zwangsarbeiter/Bilddateien/173244-833/Wlasenko Bogdan (Nadja Podmogilnaja). Rechts: Pjotr Palników, undatiert (RGASPI, Moskau, Bestand 117, Findbuch 1, Nr. 2090)
Links: Nadja Podmogilnaja, ca. 1944. Rechts: Pjotr Palników, undatiert (li: Stadtarchiv Hannover, Sammlung Zwangsarbeiter/Bilddateien/173244-833/Wlasenko Bogdan (Nadja Podmogilnaja) | re: RGASPI, Moskau, Bestand 117, Findbuch 1, Nr. 2090)

In den letzten Kriegswochen weist das Reichssicherheitshauptamt die Gestapo-Stellen an, jene Häftlinge zu exekutieren, die ein „Todesurteil“ zu erwarten haben. In Hannover werden deshalb am Freitag, den 6. April 1945 – vier Tage vor der Befreiung – über 150 Personen vom Gelände der ehemaligen Israelitischen Gartenbauschule Ahlem zum Stadtfriedhof Seelhorst getrieben. Es handelt sich vorwiegend um sowjetische Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter, die entweder aus dem kurz zuvor aufgelösten Arbeitserziehungslager Lahde bei Minden kamen oder im Polizeiersatzgefängnis in Ahlem einsaßen. Auf dem Marsch durch die Stadt können mehrere von ihnen entkommen.

Auf dem Friedhof müssen sich die Häftlinge an das von ihnen selbst ausgehobene Massengrab stellen. Sie werden von Angehörigen der Gestapo erschossen – unter den 154 Ermordeten als einzige Frau die in Charkow geborene Nadja Podmogilnaja, die zur Zwangsarbeit nach Hannover verschleppt worden war. Dem ebenfalls aus Charkow stammenden Peter Palników gelingt als Einzigem die Flucht. Nach der Befreiung informiert er die Alliierten über die Erschießungen auf der Seelhorst. Auf Veranlassung der Alliierten werden die Leichen am 2. Mai 1945 exhumiert und am Nordufer des Maschsees in einem Ehrengrab beigesetzt.

Literatur:
Die Erschießungen auf dem Seelhorster Friedhof 1945. Hannoversche Geschichtsblätter 59/2005 Beiheft 3

Informationen im Internet:
Geschichts- und Erinnerungstafel Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge >> http://www.volksbund.de/kriegsgraeberstaette/hannover-mitte-friedhof-maschsee-nordufer.html


Aufbruch eines Räumungstransports aus dem Zuchthaus Hameln


Der Niederländer Marius Jonker Roelants als Zuchthausgefangener (Sammlung Maarten Geerdes, Niederlande)
Der Niederländer Marius Jonker Roelants als Zuchthausgefangener (Sammlung Maarten Geerdes, Niederlande)

„Am Nachmittag des 27. März 1945 verlassen 400 Gefangene, darunter zahlreiche Niederländer, das übervolle Zuchthaus Hameln und marschieren unter schwerer Bewachung zum Bahnhof. Deutsche, die den Transport sehen, schauen weg.
In Viehwaggons geht es über Hannover nach Isenbüttel-Gifhorn, von dort zu Fuß oder mit LKW zum Außenlager Krümme des Zuchthauses Celle. Einige Tage arbeiten die Häftlinge auf dem nahen Fliegerhorst Wesendorf.
Am 4. April verlassen die Gefangenen das Lager Krümme. Ziel ist vermutlich das Zuchthaus Dreibergen in Mecklenburg. Darunter ist der Niederländer Marius Jonker Roelants. Nach tagelangen Fußmärschen gelingt es ihm, sich abzusetzen und im geräumten Fliegerhorst Salzwedel zu verstecken. Der US-Einmarsch am 17. April bringt die Befreiung.
Zu Tode erschöpft und an Ruhr erkrankt kommt Jonker Roelants ins Krankenhaus Salzwedel, wo er am 1. Mai 1945 stirbt.“ (aus den Erinnerungen von Wim Habets)

Was als Räumungstransport in Hameln begann, endete als Todesmarsch. Ob die Kolonne ihr Ziel Dreibergen erreichte, ist bisher nicht bekannt. Bislang sind zwei niederländische Todesopfer nachweisbar.
Da der Leichnam von Jonker Roelants nie gefunden wurde, hat die in Schiedam lebende Ehefrau den gewaltsamen Verlust ihres Mannes nie verwinden können.

Literatur:
Wim Habets: Op vrijheid gesteld: autobiografische notities omtrent: gebeurtenissen gedurende de bezettingstijd in Kerkrade en Heerlen, het verblijf in gevangenschap in Nederland en Duitsland in Oorlogstijd en de bevrijding in 1945, 1996

Websites:
>> http://www.euprojekt-zuchthaus-hameln.de
>> http://www.gelderblom-hameln.de/zuchthaus/zuchthaus.html


Alliierter Luftangriff auf Hildesheim


Blick in das Innere der völlig ausgebrannten Stadthalle (StadtA Hildesheim Best. 951, 8224/2)
Blick in das Innere der völlig ausgebrannten Stadthalle, in der seit 1. März 1945 ein KZ mit 500 Häftlingen untergebracht war. (Stadtarchiv Hildesheim, Best. 951, 8224/2)

Am Mittag des 22. März zerstörte ein großer Luftangriff der Alliierten auf das Stadtzentrum von Hildesheim in weniger als einer Stunde die historische Altstadt: 85% der Fachwerkhäuser, 80% aller öffentlichen Gebäude, Schulen und Kirchen, 50% der Industrieanlagen fielen den Flammen zum Opfer. Das alte Hildesheim existierte nicht mehr. Die Gesamtzahl der Opfer wurde nach dem Krieg mit 1.645 Personen ermittelt, darunter 103 Ausländer; 277 Tote waren nicht mehr zu identifizieren. Gründlich zerstört wurden damit auch die in der Stadt verbreiteten Illusionen, Hildesheim werde wegen seiner einmaligen Fachwerkhäuser von den Alliierten verschont.

Unter den zerstörten Gebäuden war auch die Stadthalle. Trotzdem wurden die darin untergebrachten KZ-Häftlinge weiter festgehalten: Sie mussten weiter arbeiten und in der Nähe auf freiem Feld an der Innerste übernachten. Erst nach einigen Tagen wurden sie zu Fuß in das KZ-Außenlager Ahlem bei Hannover in Marsch gesetzt, von wo sie mit den übrigen Häftlingen des Lagers auf den Todesmarsch in das KZ Bergen-Belsen geschickt wurden.

Literatur:
Hans-Dieter Schmid: Hildesheim in der Zeit des Nationalsozialismus. Hildesheim 2015 (im Erscheinen)


Tod kurz vor der Befreiung


Foto von Irina Wolkowa. Das Aufnahmedatum ist nicht bekannt. (Stadtarchiv Hannover | Sammlung Zwangsarbeiter/Bilddateien/173244-833a/Wlasenko Bogdan (Ira Wolkowa)
Foto von Irina Wolkowa. Das Aufnahmedatum ist nicht bekannt. (Stadtarchiv Hannover | Sammlung Zwangsarbeiter/Bilddateien/173244-833a/Wlasenko Bogdan (Ira Wolkowa)

Ira (Irina) Wolkowa, geboren 1926 in Charkow (damals UdSSR), ist zur Zwangsarbeit nach Hannover verschleppt. Sie arbeitet bei der Post. Augenzeugen zufolge wird sie verhaftet, als sie Lebensmittel für ihre Cousine Nadja bei sich trägt. Die Gestapo beschuldigt sie des Diebstahls und weist sie in ihr Gefängnis auf dem Gelände der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem ein. Irina Wolkowa gehört zu den mindestens 59 Häftlingen, die hier zwischen dem 2. März und dem 27. März 1945 erhängt werden. Dazu waren in das einstöckige Holzgebäude der ehemaligen „Laubhütte“ der Gartenbauschule Galgen eingebaut worden.
Ihre Cousine wird zur Abschreckung gezwungen, der Hinrichtung beizuwohnen. Sie ist am 6. April 1945 die einzige Frau unter den 154 Opfern einer Massenerschießung. Unter ihnen ist kein Deutscher.

Literatur:
Hans-Dieter Schmid (Hrsg.): Ahlem: Die Geschichte einer jüdischen Gartenbauschule, Bielefeld, 2008

Herbert Obenaus: „Sei stille, sonst kommst du nach Ahlem!“, Zur Funktion des Gestapostelle in der ehemaligen Israelitischen Gartenbauschule von Ahlem (1943 -1945), Hannover, 1988, Sonderabdruck aus „Hannoversche Geschichtsblätter“, Neue Folge Bd. 41 (1987)