Schlagwort-Archiv: Hildesheim


Massenexekutionen im Polizei-Ersatzgefängnis


Die Schauplätze der Massenexekutionen auf dem Hildesheimer Zentralfriedhof (Markus Roloff, Nur Plünderer mußten sterben?, S.203)
Die Schauplätze der Massenexekutionen auf dem Hildesheimer Zentralfriedhof (Markus Roloff, Nur Plünderer mußten sterben?, S.203)

Höhepunkt des Mordterrors in der Kriegsendphase in Hildesheim war die Erhängung der Gestapohäftlinge an einem provisorischen Galgen am Polizei-Ersatzgefängnis, der ehemaligen „Seuchenbaracke“ auf dem Gelände des Zentralfriedhofs. Sie war Teil einer reichsweiten Aktion der Gestapo, aber anders als in anderen Gestapostellen scheint es in Hildesheim keine Selektion gegeben zu haben, d.h. es wurden offenbar alle Häftlinge ermordet. Genaueres weiß man nur über die letzte Exekution von etwa 80 ausländischen Zwangsarbeitern, die erst während der Aktion eingeliefert und wegen Überfüllung des Polizei-Ersatzgefängnisses in der nahe gelegenen Leichenhalle des jüdischen Friedhofs untergebracht wurden.

Die genaue Zahl der Opfer der dreitägigen Massenhinrichtungen ist nicht mehr rekonstruierbar. In einem Massengrab auf dem Friedhof, in dem die Opfer dieser Aktion – aber auch die Erhängten vom Markplatz – verscharrt worden waren, hat man später 208 Leichen gefunden.

Literatur:
Markus Roloff: Nur Plünderer mußten sterben? Die Massenhinrichtungen der Hildesheimer Gestapo in der Endphase des Zweiten Weltkrieges. In: Hildesheimer Jahrbuch 69 (1997), S. 183-220

Hans-Dieter Schmid: Hildesheim in der Zeit des Nationalsozialismus. Hildesheim 2015 (im Erscheinen)


Mordterror gegen „Plünderer“


Der Galgen auf dem Hildesheimer Markplatz mit den vier letzten Erhängten. Zeichnung des Augenzeugen Otto Schmieder (Otto Schmieder, Hildesheim 1944/45. Rückblick auf eine schicksalsschwere Zeit, Hildesheim 1996, S. 56)
Der Galgen auf dem Hildesheimer Markplatz mit den vier letzten Erhängten. Zeichnung des Augenzeugen Otto Schmieder (Otto Schmieder, Hildesheim 1944/45. Rückblick auf eine schicksalsschwere Zeit, Hildesheim 1996, S. 56)

Auf den verheerenden Luftangriff auf Hildesheim am 22. März antworteten die Verantwortlichen mit verstärktem Mordterror. Am 26. März wurde bei einer Besprechung der Spitzen von Stadt, Partei, Polizei und Justiz im Kreisbefehlsstand eine Großrazzia gegen Plünderer beschlossen. Auf Anregung von Bürgermeister Georg Schrader sollten die gefassten Plünderer zur Abschreckung auf dem Marktplatz erhängt werden. Als die Razzia ergebnislos blieb, ließ Gestapochef Huck noch in der Nacht vier Gestapohäftlinge heranschaffen, darunter einen Deutschen, den er selbst an Ort und Stelle erschoss. Die drei übrigen wurden zum Markplatz gebracht und dort an dem inzwischen errichteten Galgen erhängt. Als am nächsten Morgen eine Gruppe von etwa 30 Italienern mit halbverbrannten, ungenießbaren Konserven eingeliefert wurde, wurden auch sie auf dem Marktplatz erhängt. Die letzten vier ließ man zur Abschreckung mehrere Tage am Galgen hängen.

Literatur:
Markus Roloff: Nur Plünderer mußten sterben? Die Massenhinrichtungen der Hildesheimer Gestapo in der Endphase des Zweiten Weltkrieges. In: Hildesheimer Jahrbuch 69 (1997), S. 183-220

Hans-Dieter Schmid: Hildesheim in der Zeit des Nationalsozialismus. Hildesheim 2015 (im Erscheinen)


Alliierter Luftangriff auf Hildesheim


Blick in das Innere der völlig ausgebrannten Stadthalle (StadtA Hildesheim Best. 951, 8224/2)
Blick in das Innere der völlig ausgebrannten Stadthalle, in der seit 1. März 1945 ein KZ mit 500 Häftlingen untergebracht war. (Stadtarchiv Hildesheim, Best. 951, 8224/2)

Am Mittag des 22. März zerstörte ein großer Luftangriff der Alliierten auf das Stadtzentrum von Hildesheim in weniger als einer Stunde die historische Altstadt: 85% der Fachwerkhäuser, 80% aller öffentlichen Gebäude, Schulen und Kirchen, 50% der Industrieanlagen fielen den Flammen zum Opfer. Das alte Hildesheim existierte nicht mehr. Die Gesamtzahl der Opfer wurde nach dem Krieg mit 1.645 Personen ermittelt, darunter 103 Ausländer; 277 Tote waren nicht mehr zu identifizieren. Gründlich zerstört wurden damit auch die in der Stadt verbreiteten Illusionen, Hildesheim werde wegen seiner einmaligen Fachwerkhäuser von den Alliierten verschont.

Unter den zerstörten Gebäuden war auch die Stadthalle. Trotzdem wurden die darin untergebrachten KZ-Häftlinge weiter festgehalten: Sie mussten weiter arbeiten und in der Nähe auf freiem Feld an der Innerste übernachten. Erst nach einigen Tagen wurden sie zu Fuß in das KZ-Außenlager Ahlem bei Hannover in Marsch gesetzt, von wo sie mit den übrigen Häftlingen des Lagers auf den Todesmarsch in das KZ Bergen-Belsen geschickt wurden.

Literatur:
Hans-Dieter Schmid: Hildesheim in der Zeit des Nationalsozialismus. Hildesheim 2015 (im Erscheinen)


Jagd auf „Plünderer“: Ermordung zweier französischer Zwangsarbeiter durch den Gestapobeamten Robert Müller


Der durch alliierte Bomben zerstörte Hildesheimer Güterbahnhof (HiJb 1998/99, S. 183)
Der durch alliierte Bomben zerstörte Hildesheimer Güterbahnhof (Hildesheimer Jahrbuch 1998/99, S. 183)

Nach einem alliierten Luftangriff am 14. März spielte sich auf dem zerbombten Bahngelände in Hildesheim eine wahre Jagdszene ab. Der Gestapobeamte Robert Müller hatte sich auf seinem Nachhauseweg von der Brücke über den Güterbahnhof die Verwüstungen auf dem Bahngelände angesehen. Dabei wurde er darauf aufmerksam gemacht, dass zwei Männer einen Waggon geöffnet hatten und darin verschwunden waren. Als sie nach kurzer Zeit mit Paketen unter dem Arm wieder auftauchten, machte sich Müller an die Verfolgung – von den Gaffern auf der Brücke durch Zurufe tatkräftig unterstützt. Als er die Fliehenden schließlich gestellt hatte, erschoss er sie an Ort und Stelle. Bei den Opfern handelte es sich um zwei französische Zwangsarbeiter.

Von seinen Vorgesetzten wurde Müller für diese Tat ausdrücklich belobigt. Obwohl er bei seinen Vernehmungen nach dem Krieg den Sachverhalt offen zugab, wurde er deswegen nie angeklagt.

Literatur:
Markus Roloff: Zwangsarbeit in Hildesheim. Der Arbeitseinsatz für die Rüstungswirtschaft des Dritten Reiches, in: Hildesheimer Jahrbuch 70/71 (1998/99), S. 163-189

Hans-Dieter Schmid: Hildesheim in der Zeit des Nationalsozialismus. Hildesheim 2015 (im Erscheinen)


Hildesheim. Einrichtung eines KZ-Außenlagers in der Innenstadt


Eine gotische Kirche als KZ-Außenlager: die zur Stadthalle umgebaute ehemalige Kirche St. Pauli in Hildesheim (StA Hildesheim, Best. 952, 91/1)
Eine gotische Kirche als KZ-Außenlager: die zur Stadthalle umgebaute ehemalige Kirche St. Pauli in Hildesheim (StA Hildesheim, Best. 952, 91/1)

Am 1. März 1945 wies der Hildesheimer Oberbürgermeister dem Reichsbahnbetriebsamt Hildesheim die beiden Säle im 1. Stock der Hildesheimer Stadthalle – einer umgebauten ehemaligen Kirche – zur Unterbringung von 500 KZ-Häftlingen zu. So entstand ein Außenlager des KZs Neuengamme mitten in der Altstadt von Hildesheim. Die jüdischen Häftlinge – in der Mehrheit Ungarn – waren die Überlebenden eines Evakuierungstransports aus dem KZ Groß-Rosen, die über Bergen-Belsen nach Hildesheim gekommen waren, wo sie völlig entkräftet und halb verhungert eintrafen. Hier wurden sie bei Aufräumungsarbeiten auf dem durch einen alliierten Luftangriff am 22. Februar zerstörten Güterbahnhof eingesetzt.

Bei den Märschen von der Stadthalle zu ihrem Einsatzort und bei der Arbeit wurden sie von einem Zug des Hildesheimer Volkssturms unter dem Kommando des Zugführers Albert Rosin bewacht. Angefeuert durch den NSDAP-Kreisleiter Meyer forderte Rosin seine Leute zu rücksichtsloser Gewalt gegen die Häftlinge auf. Er selbst erschoss eigenhändig einen jungen ungarischen Juden, der eine halb verbrannte Konservendose an sich genommen hatte. Dafür wurde er 1951 wegen Totschlags zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt.

Literatur:
Markus Roloff: Zwangsarbeit in Hildesheim. Der Arbeitseinsatz für die Rüstungswirtschaft des Dritten Reiches, in: Hildesheimer Jahrbuch 70/71 (1998/99), S. 163-189