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Befreiung von Häftlingen aus dem KZ Bergen-Belsen in Tröbitz


Seite aus dem „Bilder-Tagebuch“ von Zsuzsa Merényi Stiftung niedersächsische Gedenkstätten / Gedenkstätte Bergen-Belsen, BO 488
Seite aus dem „Bilder-Tagebuch“ von Zsuzsa Merényi Stiftung niedersächsische Gedenkstätten / Gedenkstätte Bergen-Belsen, BO 488

Susanne Schuller (Zsuzsa Merényi) wird als Kind ungarischer Eltern 1925 in Deutschland geboren. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme kehrt die jüdische Familie 1933 nach Ungarn zurück. 1944 wird Susanne Schuller gemeinsam mit ihrer Schwester Lea nach Bergen-Belsen deportiert. Als die SS Anfang April 1945 das Austauschlager räumt und die jüdischen Häftlinge in drei Zügen in das Ghetto Theresienstadt gebracht werden sollen, werden auch die beiden Schwestern abtransportiert. An den Folgen dieser erneuten Strapazen sterben allein in ihrem Zug während der 13tägigen Fahrt mindestens 133 Häftlinge. Trotz medizinischer Hilfe verlieren auch nach der Befreiung in Tröbitz noch über 320 Menschen ihr Leben. Zsuzsa und Lea Schuller überleben und kehren nach Budapest zurück.

Das am Tag ihrer Deportation am 4.12.1944 begonnene Tagebuch in Bildern führt Susanne Schuller (Zsuzsa Merényi) noch bis zum 29. Juni 1945 weiter. Die vorliegenden Zeichnungen beziehen sich unmittelbar auf die Befreiung durch sowjetische Truppen in Tröbitz am 23. April 1945.

Übersetzung der Bildbeschriftungen Ungarisch – Deutsch:
„Tröbitz“
[1] „Der Holländer“
[2] „Das Hollandrad“
[3] „Die ersten Russen“
[4] „Kleiderinspektion bzw. sanktionierter Raub“
[5] „Zurück zum Waggon mit der Beute“

Literaturangabe:
Thomas Kubetzky, „Fahrten ins Ungewisse – Räumungstransporte aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen im April 1945“, in: Habbo Knoch u. Thomas Rahe (Hg.), „Bergen-Belsen – Neue Forschungen“, Göttingen 2014, S.150 ff.

 

 


Totenzug


Abel Herzberg auf dem Museumplein in Amsterdam, 14. Mai 1948. (dbnl – digitale bibliotheekvoor de Nederlandseletteren)
Abel Herzberg auf dem Museumplein in Amsterdam, 14. Mai 1948. (dbnl – digitale bibliotheekvoor de Nederlandseletteren)

Am 21. April 1945 befindet sich der niederländische KZ-Häftling Abel J. Herzberg auf einem Räumungstransport aus dem KZ Bergen-Belsen. Es ist der elfte Tag der Fahrt, nachdem der Zug mit Ziel Theresienstadt am 10. April mit etwa 2.500 „Austauschjuden“ in Bergen-Belsen gestartet war. Die Fahrt gerät zur Irrfahrt durch einen immer enger werdenden, noch nicht von Alliierten besetzten deutschen Korridor. Aufgrund von Bombenangriffen, der zerstörten Infrastruktur und dem Herannahen der Fronten ist nur ein langsames Fortkommen möglich.

Herzberg notiert in seinem Tagebuch:
„21. April 1945. (…) Wir haben eine amerikanische Zeitung vom 17. April in die Hände bekommen. Was für eine Erleichterung, denn wir wußten ja nichts Sicheres. Wir stehen nun irgendwo bei Dresden. Es kann der letzte Fleck sein und daher noch eine ganze Weile dauern. Gott sei uns gnädig. – Das Leben wird mühsam. Sitzend auf der Bank zu schlafen wird immer mehr zur Quälerei. (…)
Holland wird noch später frei sein als wir. Aber am 1. Mai wird wohl alles vorüber sein. (…)
Viele Todesfälle. S. ist an Auszehrung gestorben, und so geht es weiter. Totenzug.“

Zwei Tage nach diesem Tagebucheintrag werden die Häftlinge in der Nähe von Tröbitz von der Roten Armee befreit. Über 450 Häftlinge sterben während des Transports oder kurz danach.

Literatur:
Abel J. Herzberg: Zweistromland. Tagebuch aus Bergen-Belsen. Erstmals erschienen unter dem Titel „Tweestromenland“, Amsterdam 1950.

Weblink:
Biografische Informationen zu Abel Herzberg: Digitale Bibliotheek voor de Nederlandse Letteren >> http://www.dbnl.org/auteurs/auteur.php?id=herz001


Luftangriff auf einen Häftlingszug aus dem KZ Bergen-Belsen


Die Seiten 132 und 136 aus dem Notizheft von Ferdinand Szende. Hierin hielt er die Namen der Toten fest, die während des Räumungstransports aus dem KZ Bergen-Belsen bei Zernitz ums Leben kamen. (Jewish Historical Museum in Belgrade, Serbia, Bestand 298, Signatur K26-2-2/2)
Die Seiten 132 und 136 aus dem Notizheft von Ferdinand Szende. Hierin hielt er die Namen der Toten fest, die während des Räumungstransports aus dem KZ Bergen-Belsen bei Zernitz ums Leben kamen. (Jewish Historical Museum in Belgrade, Serbia, Bestand 298, Signatur K26-2-2/2)

Am frühen Nachmittag dieses Tages gerät ein Zug mit jüdischen, zumeist ungarischen Geiselhäftlingen aus dem KZ Bergen-Belsen bei Zernitz, etwa 40 Kilometer östlich von Magdeburg, in einen Luftangriff alliierter Tiefflieger. Vermutlich halten die Piloten den Zug für einen Militärtransport. Mehr als 50 Menschen sterben und zahlreiche weitere werden verletzt. Die Einwohner von Zernitz versorgen die Verletzten notdürftig, bevor die Fahrt fortgesetzt wird. Die Toten werden in einem Massengrab beigesetzt. Der ungarische Arzt Dr. Ferdinand Szende, der sich auch in dem Transport befindet, dokumentiert in einem kleinen Notizheft die Namen der Toten.

Wenige Tage zuvor räumte die SS das Austauschlager des KZ Bergen-Belsen. Etwa 6 700 Häftlinge sollten mit drei Bahntransporten in das Ghetto Theresienstadt verlegt werden. Nur dieser Zug erreicht schließlich am 20. April 1945 den Zielort mit 1 706 Insassen. Die Überlebenden, darunter auch Dr. Szende mit seiner Frau und Tochter, werden am 8. Mai 1945 von sowjetischen Truppen in Theresienstadt befreit.

Literatur:
Thomas Kubetzky: Fahrten ins Ungewisse – Räumungstransporte aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen im April 1945, in: Habbo Knoch u. Thomas Rahe (Hg.): Bergen-Belsen – Neue Forschungen, Göttingen 2014, S. 167 ff.

 


Befreiung von Häftlingen aus dem KZ Bergen-Belsen bei Farsleben


Zug mit befreiten jüdischen Häftlingen aus dem KZ Bergen-Belsen fotografiert von George C. Gross, 13. April 1945 (United States Holocaust Memorial Museum, Washington, Sammlung George C. Gross)
Zug mit befreiten jüdischen Häftlingen aus dem KZ Bergen-Belsen fotografiert von George C. Gross, 13. April 1945 (United States Holocaust Memorial Museum, Washington, Sammlung George C. Gross)

Am 13. April 1945 erreichen die amerikanischen Offiziere Clarence L. Benjamin und George C. Gross vom 743. Panzerbataillon der US-Armee einen Zug mit etwa 2 500 jüdischen Häftlingen aus dem KZ Bergen-Belsen. Er war am Abend zuvor in der Nähe des Dorfes Farsleben zum Stehen gekommen. Die deutschen Bewacher des Zuges waren geflohen.

Wenige Tage zuvor räumte die SS das Austauschlager des KZ Bergen-Belsen. Etwa 6 700 jüdische Geiselhäftlinge sollten mit drei Bahntransporten in das Ghetto Theresienstadt verlegt werden. Nur einer der Züge erreichte jedoch den Zielort. Ein weiterer wurde am 23. April bei Tröbitz von sowjetischen Truppen befreit.

Für die Häftlinge bedeuteten diese Transporte weitere Strapazen. In überfüllten Waggons ohne medizinische Versorgung und ohne ausreichende Verpflegung erkrankten die meisten Häftlinge, viele starben. Die Toten wurden bei den häufigen Halten auf freier Strecke neben den Gleisen verscharrt. Auf dem Gemeindefriedhof in Farsleben erinnern ein Gedenkstein und eine Gedenktafel an die 32 dort begrabenen Opfer des Transports. Die US-Armee evakuierte die Überlebenden in eine Kaserne bei Hillersleben, um sie zu versorgen. Dennoch starben noch 143 Menschen, die auf einem eigens angelegten Friedhof auf dem Kasernengelände bestattet wurden.

Literatur:
Thomas Kubetzky: Fahrten ins Ungewisse – Räumungstransporte aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen im April 1945, in: Habbo Knoch u. Thomas Rahe (Hg.): Bergen-Belsen – Neue Forschungen, Göttingen 2014, S. 150 ff.

Weblinks:
George C. Gross: A train near Magdeburg >> www.hfcsd.org/ww2/Interviews/GEORGE%20GROSS/george%20gross.htm
Teaching history matters >>  http://teachinghistorymatters.com/about


Verhinderte Befreiung. Abtransport von KZ-Häftlingen vor der heranrückenden Front aus Duderstadt


Das KZ Außenlager in Duderstadt am 10. April 1945, einen Tag nach der Besetzung durch amerikanische Truppen. Im Hintergrund die Munitionsfabrik Polte, in der die Häftlinge hatten arbeiten müssen. (Foto aus: Günther Siedbürger: Zwangsarbeit im Landkreis Göttingen 1939-1945, Duderstadt 2005)
Das KZ Außenlager in Duderstadt am 10. April 1945, einen Tag nach der Besetzung durch amerikanische Truppen. Im Hintergrund die Munitionsfabrik Polte, in der die Häftlinge hatten arbeiten müssen. (Foto aus: Günther Siedbürger: Zwangsarbeit im Landkreis Göttingen 1939-1945, Duderstadt 2005)

Im Außenlager des KZ Buchenwald bei der Munitionsfabrik Polte in Duderstadt sind 750 jüdische Ungarinnen inhaftiert. Zwischen dem 5. und 7. April 1945 werden sie nach Seesen abtransportiert, unter ihnen am 6. April Marta Schweitzer.
Die Siebzehnjährige notiert: „Wir stehlen die Rüben, egal, ob uns der Posten sieht und auf uns schießt, egal ob sie uns den größten Schatz, unser drei Zentimeter langes Haar, abschneiden. Wir wollen nicht verhungern, bevor wir die Amerikaner gesehen haben. Man kann ja die Kanonen von so nah hören (… ) Freitagnachmittag großer Lärm, Gerenne, wir kommen kaum zu uns, da werden wir schon mit Schäferhunden aus den Blocks getrieben. (… ) wir haben Pech, im strömenden Regen auf offenem Lastwagen wie die Heringe zusammengepfercht, im Brotbeutel ein paar halb verfaulte Futterrüben, so beginnt die Flucht vor der Befreiung.“

Die Häftlinge werden von der SS-Wachmannschaft in Güterwaggons auf den Weg nach Theresienstadt gebracht. Die amerikanischen Truppen erreichen Duderstadt erst am 9. April 1945.

Literatur:
Götz Hütt (Hg.): „Jede Minute, die wir noch leben, ist von Nutzen“ – Lebensgeschichtliche Interviews mit ehemaligen Häftlingen des KZ-Außenlagers Duderstadt, Norderstedt 2011.

Website:
www.geschichtswerkstatt-duderstadt.de


Die letzte „Judendeportation“ aus dem nordwestdeutschen Raum


Deportationsliste VI/11 Wesermünde (Kopie des United States Holocaust Memorial Museum RG-68.103, Reel 6 aus Yad Vashem Archives, Bestand O.64/349)
Deportationsliste VI/11 Wesermünde (Kopie des United States Holocaust Memorial Museum RG-68.103, Reel 6 aus Yad Vashem Archives, Bestand O.64/349)

Ende März / Anfang April 1945 (das genaue Datum ist nicht bekannt) verlässt ein Zug mit neun Personen aus Wesermünde, Osterholz-Scharmbeck und Steinbeck-Luhe den nordwestdeutschen Raum. Es handelt sich um den Deportationstransport VI/11, mit dem Wilhelm Aron, Johanne Junge, Dora Köhler, Friederike Lahmann, Anna Lange, Rolf Meibergen, Friedrich Rotter, Alfons Tallert und Artur Wohl nach Theresienstadt deportiert werden. Sie sind jüdische „Mischehepartner“ und waren nach Auflösung der Ehe oder nach dem Tod des „arischen“ Ehepartners schutzlos geworden. Am 19. Januar 1945 hatte das Reichssicherheitshauptamt die Deportation auch dieser Personen angeordnet.

Die Gruppe erreicht am 4. April Theresienstadt. Es ist die letzte „Judendeportation“ aus dem nordwestdeutschen Raum, die dort eintrifft. In den Wochen vor der Befreiung Theresienstadts kommen dort jedoch noch über 15.000 Häftlinge an, die bei der Auflösung und Räumung der Konzentrationslager in Marsch gesetzt wurden.

Alle neun jüdischen Deportierten aus Wesermünde wurden am 8. Mai 1945 in Theresienstadt durch die Rote Armee befreit.

Literatur:
Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005

Informationen im Internet:
Statistik und Deportation der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen Reich >> http://www.statistik-des-holocaust.de

Yad Vashem – The Holocaust Martyrs‘ and Heroes‘ Remembrance Authority >> www.yadvashem.org