Archiv für den Autor: Forschung und Dokumentation Bergen-Belsen


Tod von Fernand Demoustier im KZ Bergen-Belsen


Eintrag im Sterbezweitbuch des KZ Bergen-Belsen über den Tod von Fernand Demoustier Dokument 3397519 (1.1.3.1/0028/0032), ITS Digitales Archiv
Eintrag im Sterbezweitbuch des KZ Bergen-Belsen über den Tod von Fernand Demoustier Dokument 3397519 (1.1.3.1/0028/0032), ITS Digitales Archiv

Am 16. März 1945 stirbt der belgische Häftling Fernand Demoustier im Männerlager des KZ Bergen-Belsen.

Geboren 1906 in Mons beendete er 1930 erfolgreich sein Jura-Studium an der Universität Brüssel. Inspiriert von den Schriften des französischen Dichters André Breton schloss er sich surrealistischen Kreisen in Brüssel an und begann unter dem Pseudonym Fernand Dumont als Schriftsteller zu arbeiten.

Während der deutschen Besetzung Belgiens ging Fernand Demoustier in den Widerstand, wurde jedoch im April 1942 verhaftet. Über das Gefängnis in Mons brachten ihn die Deutschen über zahlreiche Arbeits- und Konzentrationslager, u.a. Herzogenbusch, Sachsenhausen, Neuengamme, schließlich nach Bergen-Belsen.

Im Sonderstandesamt des KZ Bergen-Belsen wurden 1945 etwa 1.300 Todesfälle beurkundet. Die SS machte sich angesichts der enormen Zahl keine Mühe, sämtliche Toten amtlich zu erfassen. Auch die Todesursache wurde in der Regel nicht untersucht, sondern eine standardisierte Angabe gemacht. Das sogenannte Sterbeerstbuch ließ die SS zusammen mit der Lagerregistratur kurz vor dem Eintreffen der britischen Armee vernichten. Überliefert ist nur das Sterbezweitbuch, das sich als Sicherheitskopie im Standesamt der nahegelegenen Stadt Fallingbostel befand. Hieraus stammt das gezeigte Dokument.

In Mons trägt ein Park den Namen, den Fernand Demoustier sich als Dichter selbst gegeben hat.

Mehr Information:
>>
http://fr.wikipedia.org/wiki/Fernand_Dumont_%28%C3%A9crivain_belge%29


Übersicht über Anzahl und Einsatz der weiblichen Häftlinge des KZ Bergen-Belsen


Erste Seite der Übersicht über Anzahl und Einsatz der weiblichen Häftlinge im KZ Bergen-Belsen vom 15. März 1945. (Nederlandse Instituut voor Oorlogsdocumentatie, Amsterdam, Signatur C [II] 09/0.311)

Am 15. März 1945 unterzeichnet Josef Kramer, der Kommandant des KZ Bergen-Belsen, eine „Übersicht über Anzahl und Einsatz der weiblichen Häftlinge“ für die vergangenen zwei Wochen.

Die SS bezeichnete Bergen-Belsen offiziell als „Aufenthaltslager“, was der ursprünglichen Funktionszuweisung als Austauschlager für jüdische Geiselhäftlinge entsprechen sollte. Hinter der Zahl der 5 481 „Zugänge“ verbergen sich Transporte mit zahlreichen Frauen verschiedener Verfolgtengruppen aus den KZ Ravensbrück, Gross-Rosen und Flossenbürg sowie sechs Geburten. Den größten Anteil an den „Abgängen“ haben mit 1 223 die Verstorbenen. Bei den 63 Entlassungen handelte es sich um Frauen und Mädchen, die zur Gruppe der Juden gehörte, die am 4. März in die Türkei kamen.

Übersichten dieser Art wurden zweimal monatlich jeweils für männliche und weibliche Häftlinge angefertigt. Um diese Zahlen zu ermitteln, ließ die SS die Häftlinge bei jedem Wetter oftmals stundenlang Appell stehen. Auf den hier nicht gezeigten übrigen drei Seiten finden sich Angaben zum Arbeitseinsatz der Frauen.

Dies ist eines der wenigen erhaltenen Dokumente aus der Verwaltung des KZ Bergen-Belsen, denn die SS verbrannte kurz vor dem Eintreffen der britischen Armee die Registratur. Ein niederländischer Funktionshäftling aus der Schreibstube rettete die vorliegende Übersicht vor der Vernichtung.


Die Urne von Karl Schlombach


Todesbenachrichtigung Karl Schlombach (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten / Gedenkstätte Bergen-Belsen, BT 769)

Ab März 1945 sterben im KZ Bergen-Belsen täglich mehrere hundert Menschen. Die Zahl der auf dem Lagergelände liegenden Leichen nimmt beständig zu.

In dieser Situation unterschreibt am 8. März 1945 der Kriminalbeamte und SS-Untersturmführer Wilhelm Frerichs im KZ Bergen-Belsen die Todesbenachrichtigung an die Witwe von Karl Schlombach und bietet an, die Urne mit der Asche ihres Mannes nach Berlin zu schicken. Sie reicht daraufhin die notwendigen Papiere ein.

Karl Schlombach wurde 1897 in Teltow bei Berlin geboren. Ab 1928 betrieb er ein Baugeschäft. Bereits im März 1933 geriet er aus politischen Gründen in das Visier der neuen Machthaber. In den folgenden Jahren sah er sich zahlreichen Schikanen durch die Behörden und die Gestapo ausgesetzt, immer wieder kam es zu Vorladungen und Verhaftungen. Nach einer Festnahme in Berlin wegen öffentlicher Beschimpfung der Regierung im Juli 1944 wurde er im September in das KZ Sachsenhausen überstellt. Anfang Februar 1945 wurde er von dort in das KZ Bergen-Belsen gebracht.

Karl Schlombach stirbt am 25. Februar 1945 im KZ Bergen-Belsen. In den Benachrichtigungen an Angehörige wurde häufig „Kreislaufschwäche“ angegeben, um die tatsächliche Todesursache zu verschleiern.


Anne und Margot Frank sterben im KZ Bergen-Belsen im März 1945


Gedenkstein für Anne und Margot Frank auf dem Gelände der Gedenkstätte Bergen-Belsen
Gedenkstein für Anne und Margot Frank auf dem Gelände der Gedenkstätte Bergen-Belsen (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten)

Anne Frank wird am 12. Juni 1929 als Kind jüdischer Eltern in Frankfurt am Main geboren.

Als 1933 in Deutschland die Verfolgung der Juden beginnt, zieht die Familie Frank nach Amsterdam.

Nach der Besetzung der Niederlande im Mai 1940 setzt auch dort die Judenverfolgung ein. Am 12. Juni 1942 beginnt Anne Frank ihr Tagebuch. Vom 6. Juli 1942 an versteckt sich die Familie im Hinterhaus der Prinsengracht 263. Nach der Verhaftung am 4. August 1944 wird die Familie in das Durchgangslager Westerbork gebracht und von dort am 3. September 1944 mit dem letzten Transport aus den Niederlanden in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Dort wird mehr als die Hälfte der Häftlinge sofort in den Gaskammern ermordet. Anne Frank wird zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Margot zur KZ-Zwangsarbeit selektiert. Ende Oktober 1944 werden die Geschwister mit mehr als Tausend anderen Frauen von Auschwitz nach Bergen-Belsen transportiert. Dort sterben beide im März 1945 an Typhus und Entkräftung. Die genauen Todesdaten sind unbekannt.

Aus Anlass des 70. Geburtstages von Anne Frank wird 1999 auf dem Gelände der Gedenkstätte Bergen-Belsen ein symbolischer Grabstein für sie und ihre Schwester Margot Frank aufgestellt. Viele Besucher legen hier persönliche Gegenstände nieder.


Freilassung von 105 Juden aus dem KZ Bergen-Belsen in die Türkei


Freilassung von 105 türkischen Juden in die Türkei, März 1945. Reiseroute rekonstruiert nach den Berichten von Rudolf Levi und Philippe Aubert de la Rüe. (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten/Gedenkstätte Bergen-Belsen, Atelier Weidner Händle, Stuttgart)
Freilassung von 105 türkischen Juden in die Türkei, März 1945. Reiseroute rekonstruiert nach den Berichten von Rudolf Levi und Philippe Aubert de la Rüe. (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten/Gedenkstätte Bergen-Belsen, Atelier Weidner Händle, Stuttgart)

Am 4. März 1945 verlässt ein Transport mit 105 türkischen Juden das sogenannte Neutralenlager des KZ Bergen-Belsen.

Die Familien, darunter 20 Kinder, wurden im Laufe des Jahres 1944 aus verschiedenen Ländern Europas in das Austauschlager Bergen-Belsen gebracht, da sie den Anspruch auf die türkische Staatsangehörigkeit erhoben. Im August 1944 brach die Türkei die diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich ab und internierte die dort lebenden Deutschen. Da das Deutsche Reich ein Interesse an der Rückkehr der eigenen Staatsangehörigen hatte, wurde ein Austausch vereinbart.

In Lübeck stoßen weitere 20 jüdische Frauen und Kinder aus Ravensbrück zu der Gruppe aus Bergen-Belsen. Sie fahren ab Göteborg mit der MS Drottningholm auf dem Seeweg über England, Portugal und Ägypten nach Istanbul. Nach der Ankunft am 10. April 1945 verweigert die Türkei zwar den meisten Juden die Anerkennung der Staatsbürgerschaft, erlaubt aber nach längeren Verhandlungen einen Aufenthalt in Flüchtlingslagern.

Literatur:
Corry Guttstadt: Die Türkei, die Juden und der Holocaust, Berlin/Hamburg 2008, S. 468ff


Transport von Frauen und Kindern in das KZ Bergen-Belsen


Pola Berkowitz-Wajnstock am Gedenkstein ihrer verstorbenen Schwester Sifka in Bergen-Belsen, undatiert
Pola Berkowitz-Wajnstock am Gedenkstein ihrer verstorbenen Schwester Sifka in Bergen-Belsen, undatiert (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten/Gedenkstätte Bergen-Belsen, Privatbesitz Pola Berkowitz)

Am 2. März 1945 treffen mehr als 3 200 Frauen und Kinder aus dem KZ Ravensbrück im KZ Bergen-Belsen ein. Das Lager ist mit knapp 42 000 Häftlingen bereits extrem überbelegt. An diesem Tag sterben insgesamt 239 Menschen an den Folgen der Haft, allein 68 Frauen und Kinder im Frauenlager. Eine Liste des Transportes aus Ravensbrück ist nicht überliefert, weshalb nur ein kleiner Teil der Insassen namentlich bekannt ist.

Teil dieses Transportes sind 270 jüdische Frauen und Kinder aus Piotrkow. Zu dieser Gruppe gehören auch die Schwestern Pola und Sifka Wajnstock. Beide werden am 15. April 1945 in Bergen-Belsen befreit. Vier Tage später stirbt Sifka im Alter von 23 Jahren an Typhus. Die Eltern und zwei weitere Geschwister sind in Polen ermordet worden. Im Displaced Persons Camp Bergen-Belsen heiratet Pola und bringt 1948 einen Sohn zur Welt, bevor die Familie nach Israel geht. Den Stein für ihre Schwester Sifka lässt Pola Wajnstock vor der Auswanderung errichten. Seitdem steht er auf dem Gelände der Gedenkstätte Bergen-Belsen.


Transport kranker Frauen aus dem KZ-Außenlager Leipzig in das KZ Bergen-Belsen


Liste des Transportes aus dem Außenlager Leipzig des KZ Buchenwald in das KZ Bergen-Belsen
Liste des Transportes aus dem Außenlager Leipzig des KZ Buchenwald in das KZ Bergen-Belsen, Dokumente 3393473 u. 3393474 (1.1.3.1/0002/0062 u. 0064), ITS Digitales Archiv

Am 28.Februar 1945 trifft ein Transport mit 71 kranken Frauen aus dem Arbeitskommando der Firma Hugo Schneider AG („Hasag“) im Frauenlager des KZ Bergen-Belsen ein. Die „Hasag“ war der größte Leipziger Rüstungskonzern mit mehreren Fabriken in Deutschland und im besetzten Polen. Weibliche Häftlinge, die aufgrund von Verletzungen, Erkrankungen oder Schwäche nicht mehr arbeiten konnten, wurden ausgesondert. Der Kommandant des Außenlagers, Wolfgang Plaul, meldet dem KZ Buchenwald die Überstellung der „arbeitsunfähigen“ Häftlinge am 27. Februar. Bei den Nummern in der zweiten Spalte handelt es sich um die Haftnummern des KZ Buchenwald. Die älteste Frau ist 1886, die jüngsten sind 1928 geboren. Unter den Frauen befindet sich auch ein Kind. Das Schicksal der meisten Frauen dieser Gruppe ist nicht bekannt, neun werden in Bergen-Belsen befreit, von denen eine Frau im Mai 1945 an den Folgen der Haft stirbt.

Mehr als zwei Dutzend Transporte mit nicht arbeitsfähigen Frauen trafen 1945 aus den Außenlagern des KZ Buchenwald in Bergen-Belsen ein. Man muss davon ausgehen, dass viele der ohnehin geschwächten Menschen an diesem Ort starben.

 


Aus dem Tagebuch von Arieh Koretz, Häftling im KZ Bergen-Belsen


Das Tagebuch von Arieh Koretz. Foto: Gedenkstätte Bergen-Belsen

Am 27. Februar 1945 befindet sich Arieh Koretz im „Sternlager“, einem Teillager des KZ Bergen-Belsen für jüdische Austauschhäftlinge. Hier führt er ein Tagebuch in neugriechischer Sprache. Er fasst die Ereignisse von Mitte Februar bis Mitte März 1945 in einem Eintrag zusammen.

"Im letzten Monat hat sich die Situation im Lager verändert und bis zur Unkenntlichkeit verschlimmert. Jeden Tag kommen neue Gruppen von Häftlingen und bei jeder dieser Gruppen sind viele, wenn nicht hunderte, von Toten und Halbtoten.
Die Toten werden schon lange nicht mehr im Krematorium verbrannt, der Platz reicht nicht aus, man verbrennt sie einfach draußen, auf Holz, eine Reihe Leichen und eine Reihe Holz. Es gibt Tage, an denen wir 700 bis 800 Tote haben, die so verbrannt werden. Der Rauch und Geruch der versengten Leichen ist in der ganzen Gegend spürbar. Am Anfang war es schwer, sich daran zu gewöhnen.
Der Hunger, der jetzt im Lager herrscht, ist entsetzlich und unvorstellbar, er bringt Menschen einfach um ihren Verstand. Alle stehlen von allen. Die SS-Leute toben, drücken sich den ganzen Tag herum, brüllen und schlagen. (…)
Der Krieg geht noch weiter und man sieht kein Ende. Ob wir überhaupt das Kriegsende erleben werden?"

1928 als Leo Koretz in Hamburg geboren, wurde Arieh Koretz mit seiner Familie über das Ghetto Saloniki 1943 in das KZ Bergen-Belsen deportiert. Am 23. April 1945 wird er auf einem Räumungstransport bei Tröbitz befreit.

Literatur:
Arieh Koretz: Bergen-Belsen. Tagebuch eines Jugendlichen 11.7.1944 – 30.3.1945. Göttingen 2011.